AI FU oder der Weg von der simplen Erleichterung zu neuen Fähigkeiten durch harte Arbeit mit AI

Ich arbeite inzwischen regelmäßig mit AI. Und je länger ich das tue, desto klarer wird mir: Der größte Effekt von AI ist für mich gar nicht, dass sie einzelne Aufgaben automatisiert. Der eigentliche Effekt ist, dass sie mich als Generalisten deutlich produktiver macht.

Mit AI kann ich heute viele Dinge selbst erledigen, für die ich früher andere Spezialisten oder Experten gebraucht hätte. Ich kann schneller Texte entwerfen, Ideen strukturieren, Recherchen verdichten, Konzepte ausarbeiten, Formulierungen verbessern oder mir zu technischen Themen einen ersten belastbaren Überblick verschaffen. Das spart Zeit, reduziert Abstimmung und macht mich in vielen Situationen unabhängiger.

Das ist erst einmal großartig. Aber genau darin steckt auch ein Problem. Denn ich merke: 

AI macht nicht nur schneller. Sie macht auch verführerisch.

Plötzlich ist viel mehr möglich. Aus einer Idee werden sofort fünf neue. Aus einem Entwurf werden drei Varianten. Aus einer Frage entstehen zehn Folgefragen. Man kommt unglaublich leicht vom Hundertsten ins Tausendste. Nicht, weil man unproduktiv wäre – sondern weil man mit AI sogar sehr effizient abschweifen kann.

Ein zweiter Punkt ist für mich mindestens genauso wichtig:

Nur weil ich mit AI mehr schaffen kann, heißt das noch lange nicht, dass ich auch mehr schaffen sollte.

Die gewonnene Geschwindigkeit wird schnell mit mehr Aufgaben aufgefüllt. Statt echter Entlastung entsteht dann Arbeitsverdichtung. Man produziert mehr, springt schneller zwischen Themen und hat am Ende trotzdem nicht das Gefühl, wirklich mehr Ruhe oder Klarheit gewonnen zu haben. Im Gegenteil: Man läuft Gefahr, sich mit maximaler Effizienz selbst zu überfordern.

Und dann gibt es noch eine dritte, aus meiner Sicht besonders heimtückische Seite:

Man wird schlampig.

Nicht unbedingt sofort. Eher schleichend. Wenn die AI gut formuliert, gut strukturiert und oft schon brauchbare Ergebnisse liefert, wird die Versuchung groß, weniger selbst zu denken, weniger selbst zu formulieren und weniger streng zu prüfen. Man verlässt sich schneller auf Plausibilität. Man nimmt Abkürzungen. Und irgendwann merkt man vielleicht, dass man Dinge, die man früher sicher beherrscht hat, seltener selbst macht – und dadurch langsam verlernt.

Genau deshalb spreche ich für mich inzwischen von AI FU.

Der Begriff ist natürlich mit einem Augenzwinkern gemeint – als Anspielung auf Kung Fu im Sinn von: Der gute Umgang mit AI ist eine Disziplin, zum erlernen und trainieren.

Für mich heißt AI FU:

AI nicht einfach nur benutzen, sondern den Umgang mit ihr bewusst einüben.

Dazu gehören ein paar Dinge, die ich für mich als wichtig erkannt habe.

Erstens: Fokus.

Ich muss aufpassen, dass ich mit AI nicht endlos weiterdenke, nur weil es so leicht ist. Nicht jede Idee muss verfolgt werden. Nicht jede Variante ist relevant. Nicht jede Verfeinerung bringt echten Mehrwert. AI kann helfen, klarer zu denken – aber nur, wenn ich selbst entscheide, wo Schluss ist.

Zweitens: Selbstbegrenzung.

AI erweitert meine Möglichkeiten. Aber ich darf meine eigene Belastbarkeit nicht mit den Möglichkeiten des Werkzeugs verwechseln. Nur weil ich heute mehr selbst machen kann, darf das nicht automatisch heißen, dass ich mir auch immer mehr auflade.

Drittens: Qualitätsbewusstsein.

Nur weil etwas gut klingt, ist es noch lange nicht richtig. Gerade bei AI ist das entscheidend. Ich muss Aussagen prüfen, Quellen hinterfragen, Zahlen plausibilisieren und manchmal bewusst einen Schritt zurückgehen. Die größte Gefahr liegt oft nicht in der völlig falschen Antwort, sondern in der sehr überzeugend formulierten halbrichtigen.

Viertens: eigene Fähigkeiten erhalten.

Ich will nicht alles an AI auslagern. Ich will weiterhin selbst schreiben können, selbst strukturieren, selbst argumentieren und selbst auf den Punkt kommen.

AI soll mich unterstützen, nicht ersetzen. Sonst gewinne ich kurzfristig Tempo und verliere langfristig Substanz.

Interessant ist, dass viele dieser Punkte inzwischen auch wissenschaftlich gestützt werden. Studien zeigen einerseits klar, dass generative AI die Produktivität in Wissensarbeit steigern kann. Gleichzeitig gibt es aber auch Hinweise auf Risiken wie kognitive Entlastung mit nachlassender Prüfungstiefe, Automation Bias, Informationsüberlastung und digitale Arbeitsverdichtung. Anders gesagt: AI macht uns oft leistungsfähiger – aber nicht automatisch souveräner.

Und genau das ist für mich der Kern.

Ich glaube nicht, dass die wichtigste Frage lautet, wie gut AI in den nächsten Jahren noch wird. Ich glaube, die wichtigere Frage ist, ob wir lernen, gut mit ihr umzugehen.

AI FU ist für mich deshalb die passende Metapher: nicht Technikgläubigkeit, nicht Kulturpessimismus, sondern Disziplin. Haltung. Übung. Bewusster Einsatz.

Denn AI verstärkt vieles. Sie verstärkt Klarheit – aber auch Unklarheit. Sie verstärkt Produktivität – aber auch Überforderung. Sie verstärkt Kompetenz – oder eben Bequemlichkeit.

Am Ende kommt es also nicht nur auf das Werkzeug an. Sondern auf die Art, wie wir es führen.

Ach ja – und das Wort „Fu“ in Kung Fu bezeichnet im weiteren Sinne einen Menschen, der durch harte Arbeit eine Meisterschaft erlangt hat.

Christian Brem

Christian Brem

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