
Zweimal Pionier sein – und warum sich manches Glück im Leben tatsächlich wiederholt
Wenn ich heute auf meine IT-Karriere zurückblicke, dann begann alles in einer Welt, die mit der heutigen kaum noch vergleichbar ist.
Meine ersten Schritte machte ich auf einem Commodore 64 im Jahr 1983. Das war eine Zeit ohne Internet, ohne Foren, ohne Video-Tutorials, ohne GitHub und ohne Suchmaschinen, die einem in Sekunden jede Antwort liefern konnten. Computer waren damals kein bequem konsumierbares Werkzeug. Sie waren ein Abenteuer.
Wer sich damals mit Computern beschäftigte, musste neugierig sein. Und geduldig. Vor allem aber musste man bereit sein, sich Dinge selbst zu erarbeiten. Man lernte nicht per Klick, sondern durch Ausprobieren. Durch Fehler. Durch endlose Stunden vor dem Bildschirm. Man las Bücher und Zeitschriften, tippte Listings ab, suchte nach dem einen fehlenden Zeichen, das das ganze Programm zum Absturz brachte, und freute sich wie ein König, wenn es am Ende tatsächlich lief.
Assembler war für viele von uns keine akademische Disziplin, sondern eine Entdeckungsreise. Man wollte verstehen, wie die Maschine wirklich funktionierte. Nicht nur an der Oberfläche, sondern ganz unten, dort, wo aus Befehlen Verhalten wurde. Vieles lernte man nicht in geordneten Schulungspfaden, sondern über Umwege: in Computerclubs, im Austausch mit anderen, durch gemeinsames Tüfteln – und ja, auch durch Reverse Engineering, durch Cracken und durch das Zerlegen von Software, um zu begreifen, wie sie aufgebaut war. Aus heutiger Sicht mag manches davon wild oder grenzwertig wirken. Damals war es für viele vor allem eines: Lernen durch Neugier. Es war eine Schule des Verstehens.
Diese Zeit hatte einen ganz eigenen Geist. Computer fühlten sich nicht fertig an. Sie waren offen, geheimnisvoll, manchmal widerspenstig. Jeder kleine Fortschritt war selbst erarbeitet. Jeder neue Aha-Moment hatte Gewicht. Man war nicht einfach Nutzer, sondern Entdecker. Vielleicht ist es genau dieses Gefühl, das sich so tief eingebrannt hat: das Gefühl, dass hinter jeder Ecke noch etwas Unbekanntes wartet.
Irgendwann wurde aus diesem Hobby ein Beruf. Und das war natürlich ein großes Geschenk. Aus Faszination wurde Erfahrung, aus Nächten vor dem Bildschirm wurden Projekte, Verantwortung, Produkte, Systeme, Teams und ganze Karrieren. Ich durfte miterleben, wie sich die IT professionalisierte, industrialisierte und globalisierte. Aus improvisierten Lösungen wurden Plattformen, aus Nischen wurden Märkte, aus Technikbegeisterung wurde eine Schlüsselbranche für praktisch alles.
Und doch habe ich im Lauf der Jahre auch etwas anderes beobachtet: Vieles in der IT war, wenn man ehrlich ist, weniger neu, als es jeweils klang. Die Begriffe änderten sich, die Verpackung wurde moderner, die Budgets größer, die Infrastruktur leistungsfähiger – aber im Kern begegnete einem vieles wieder. Neue Architekturen waren oft skalierte Varianten alter Prinzipien. Neue Paradigmen waren nicht selten Umbenennungen bekannter Mechanismen. Zentralisierung und Dezentralisierung wechselten sich ab wie Moden. Mainframes, Dünne Clients, fette Clients, verteilte Systeme, virtuelle Maschinen, Transaktionen, Microservices, Container und Cloud – bei aller technologischen Substanz konnte man doch oft sagen: Das Grundmuster kennst du bereits. Du hast es schon einmal gesehen. Vielleicht unter anderem Namen, vielleicht mit anderer Reichweite, aber im Wesen vertraut.
Das ist nicht abwertend gemeint. Im Gegenteil: Reife entsteht oft genau so. Technologien entwickeln sich, indem Bekanntes verfeinert, skaliert, abstrahiert oder wirtschaftlich nutzbar gemacht wird. Aber irgendwann verliert man dabei ein bestimmtes Gefühl – jenes Gefühl des radikal Neuen. Die Überraschung. Das Staunen. Das echte Neuland.
Und dann kam KI.
Ich will damit nicht behaupten, dass plötzlich alles Alte bedeutungslos geworden wäre. Natürlich baut auch künstliche Intelligenz auf Vorarbeiten, auf Mathematik, auf Informatik, auf Modellen, Rechenleistung und jahrzehntelanger Forschung auf. Auch hier gibt es Linien zurück in die Vergangenheit. Aber zum ersten Mal seit sehr langer Zeit hatte ich wieder dieses ganz ursprüngliche Gefühl: Hier öffnet sich gerade wirklich eine neue Tür.
Nicht nur eine bessere Version des Bekannten. Nicht nur mehr Automatisierung, mehr Skalierung, mehr Geschwindigkeit. Sondern etwas, das in seiner Wirkung eine neue Qualität hat. Etwas, das die Art verändert, wie wir mit Maschinen interagieren. Wie wir Wissen erzeugen, Software entwickeln, Informationen erschließen, Inhalte formulieren, Probleme angehen und kreative Prozesse begleiten. Plötzlich ist da wieder dieses Staunen. Dieses “Was bedeutet das eigentlich alles?”. Dieses Kribbeln, das man spürt, wenn man erkennt, dass die Regeln sich nicht nur verschieben, sondern dass sich der Möglichkeitsraum selbst erweitert.
Für mich persönlich war das ein unerwarteter Moment. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dieses Gefühl noch einmal so stark erleben würde. Dieses Gefühl, am Anfang von etwas zu stehen, das man nicht vollständig überblicken kann. Etwas, das Chancen, Risiken, Irrtümer und Durchbrüche gleichzeitig in sich trägt. Genau das macht es so lebendig. Genau das macht es wieder abenteuerlich.
Vielleicht ist es das, was mich an KI so fasziniert: Sie erinnert mich nicht nur an Fortschritt, sondern an Aufbruch. An jene frühe Computerzeit, in der noch nicht alles standardisiert, normiert und vorhersehbar war. An eine Phase, in der man nicht nur Werkzeuge benutzte, sondern Neuland erkundete. Wieder gibt es Experimente. Wieder gibt es überraschende Ergebnisse. Wieder gibt es Momente, in denen man merkt, dass man nicht nur effizienter arbeitet, sondern dass man gerade dabei ist, etwas grundsätzlich Neues zu lernen.
Das bedeutet nicht, dass alles unkritisch zu feiern wäre. Wie jede große technologische Entwicklung wird auch KI missverstanden, missbraucht, überschätzt und unterschätzt werden. Es wird Hypes geben, Sackgassen, Enttäuschungen und ernüchternde Korrekturen. Das gehört dazu. Aber selbst durch all das hindurch bleibt für mich ein Kern bestehen: KI hat etwas in mir wieder geweckt, das ich aus den frühen Tagen der Computer kenne. Neugier. Spielfreude. Forschergeist.
Und vielleicht ist genau das das Schönste daran.
Denn nicht jeder Mensch hat das Glück, in seinem Berufsleben einmal eine echte Pionierphase mitzuerleben. Noch seltener ist es, dieses Glück zweimal zu haben. Einmal in der Frühzeit des Personal Computing, als ein Commodore 64 ausreichte, um ganze Welten zu eröffnen. Und dann noch einmal in einer Zeit, in der künstliche Intelligenz beginnt, unseren Umgang mit Wissen, Sprache, Kreativität und Arbeit neu zu formen.
Ich empfinde das tatsächlich als Geschenk.
Nicht, weil früher alles besser war. Das war es nicht. Und nicht, weil heute alles automatisch großartig wird. Das wird es auch nicht. Sondern weil ich das seltene Privileg habe, zwei Mal in meinem Leben zu spüren, wie sich eine technologische Landschaft fundamental in Bewegung setzt. Zwei Mal an einem Punkt zu stehen, an dem nicht nur neue Produkte entstehen, sondern neue Denkweisen. Zwei Mal dieses innere Leuchten zu erleben, das sagt: Hier beginnt etwas.
Der junge Mensch am Commodore 64 hätte nicht gewusst, wohin die Reise führt. Der 56-Jährige weiß zumindest: Man sollte solche Momente ernst nehmen. Man sollte sie nicht mit Zynismus abtun. Man sollte sie nutzen. Lernen. Spielen. Verstehen. Fragen stellen. Grenzen ausloten. Denn genau in solchen Phasen entsteht mehr als Technik. Es entsteht Zukunft.
Und vielleicht ist das die schönste Erkenntnis nach all den Jahren in der IT:
Man muss trotz aller Erfahrung nicht aufhören, Anfänger zu sein.
Dass man trotz aller Routine noch einmal staunen kann. Dass Begeisterung kein Privileg der Jugend ist.
Manchmal kommt sie zurück.
Und wenn man großes Glück hat, sogar ein zweites Mal.